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Rehabilitationssport: Definition, Ziele und gesetzliche Grundlagen

Konzept im Detail

Rehabilitationssport, im allgemeinen Sprachgebrauch oft kurz „Reha-Sport“ genannt, stellt im deutschen Gesundheitssystem eine Sonderform der körperlichen Aktivierung dar. Anders als beim klassischen Fitnessstudio-Besuch oder dem Vereinssport steht hier nicht die Jagd nach Bestzeiten oder ästhetischen Idealen im Vordergrund. Vielmehr dient diese Maßnahme als ergänzende Leistung zur medizinischen Rehabilitation. Das primäre Ziel definiert der Gesetzgeber klar im Neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX): Es geht darum, Menschen mit Behinderungen oder jene, die von einer Behinderung bedroht sind, dauerhaft wieder in das Arbeitsleben und die Gesellschaft einzugliedern.

Diese Zielsetzung unterscheidet den Reha-Sport fundamental von der Physiotherapie. Während physiotherapeutische Behandlungen oft passiv erfolgen oder auf die Beseitigung akuter Funktionsstörungen an einzelnen Körperteilen abzielen, verfolgt der Rehabilitationssport einen pädagogischen und ganzheitlichen Ansatz. Der Patient soll langfristig lernen, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Die Übungseinheiten finden deshalb fast ausschließlich in Gruppen statt. Dies fördert den Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen, stärkt das Selbstbewusstsein und wirkt der sozialen Isolation entgegen, die oft mit chronischen Erkrankungen einhergeht.

Methodische Vielfalt und Trainingselemente

Um den unterschiedlichen Krankheitsbildern gerecht zu werden, greift der organisierte Rehabilitationssport auf verschiedene Elemente des Sports zurück. Dazu gehören gymnastische Übungen, Leichtathletik, Bewegungsspiele und Schwimmen. Die Auswahl der Methoden richtet sich streng nach der medizinischen Indikation und der Belastbarkeit des Einzelnen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Nutzung verschiedener physikalischer Umgebungen, um den Körper gezielt zu fordern oder zu entlasten.

Konzept vom RehabilitationssportBildquelle: unsplash.com / Vitaly Gariev

In der therapeutischen Praxis kombiniert man häufig Reha-Sport an Land und im Wasser, da diese beiden Elemente völlig unterschiedliche Trainingsreize setzen. Während Übungen in der Halle oder im Kursraum unter dem vollen Einfluss der Schwerkraft stattfinden und somit die Knochendichte sowie die posturale Kontrolle (Haltung) fördern, bietet das Wasser einen schützenden Raum. Der statische Auftrieb reduziert das Körpergewicht um ein Vielfaches, was Gelenke, Sehnen und Bänder schont. Gleichzeitig erzeugt der Wasserwiderstand eine natürliche Bremse, die schnelle, verletzungsträchtige Bewegungen verhindert und dennoch einen hohen Kraftaufwand für die Muskulatur erfordert. Diese duale Herangehensweise ermöglicht es, Patienten bereits in frühen Phasen der Genesung zu mobilisieren, in denen ein reines Trockentraining noch zu schmerzhaft wäre.

Der bürokratische Weg und das Formular 56

Der Zugang zum Rehabilitationssport führt in Deutschland zwingend über eine ärztliche Verordnung. Das hierfür vorgesehene Formular trägt die Nummer 56 („Antrag auf Kostenübernahme für Rehabilitationssport“). Ein entscheidender Aspekt für Mediziner ist hierbei die Budgetierung: Verordnungen für Reha-Sport belasten das Heilmittelbudget der Praxis nicht. Dies erleichtert es Ärzten, diese Maßnahme zu verschreiben, sofern die medizinische Notwendigkeit besteht.

Nach der Ausstellung durch den Arzt muss der Antrag vom Patienten bei der zuständigen Krankenkasse oder Rentenversicherung eingereicht und genehmigt werden. Erst mit dem Stempel der Kasse auf dem Formular darf das Training beginnen. Der gesetzliche Regelfall sieht 50 Übungseinheiten vor, die innerhalb von 18 Monaten absolviert werden müssen. Bei bestimmten neurologischen Erkrankungen oder schwereren Beeinträchtigungen kann dieser Umfang auf 120 Einheiten über 36 Monate erweitert werden. Diese zeitliche Begrenzung unterstreicht den Charakter der Maßnahme: Sie dient als Anschubfinanzierung für einen aktiven Lebensstil, nicht als lebenslange Dauerleistung der Solidargemeinschaft.

Das bio-psycho-soziale Wirkmodell

Sportwissenschaftler und Mediziner betrachten Reha-Sport nicht isoliert als Muskeltraining. Man orientiert sich am bio-psycho-sozialen Modell der Gesundheit. Die biologische Ebene umfasst die körperlichen Anpassungen: Verbesserung der Ausdauer, Kraftzuwachs, Optimierung der Koordination und Beweglichkeit. Doch oft sind es die psychischen und sozialen Faktoren, die über den langfristigen Therapieerfolg entscheiden.

Chronische Schmerzen führen häufig zu einem Angst-Vermeidungs-Verhalten. Betroffene schonen sich übermäßig, was zu weiterem Muskelabbau und verstärkten Schmerzen führt – ein Teufelskreis. Der Reha-Sport bricht dieses Muster auf. Durch das Training in der Gruppe erleben Teilnehmer, dass Bewegung trotz Einschränkungen möglich ist. Sie erfahren Selbstwirksamkeit. Die Gruppe fungiert dabei als emotionaler Rückhalt. Wenn man sieht, dass andere mit ähnlichen Diagnosen Fortschritte machen, steigert das die eigene Motivation erheblich.

Qualitätssicherung und Zertifizierung

Nicht jeder Sportverein oder jedes Fitnessstudio darf Rehabilitationssport anbieten. Der Gesetzgeber und die Spitzenverbände der Krankenkassen haben hohe Hürden für die Anerkennung aufgestellt. Ein Anbieter muss zwingend einem anerkannten Landesverband des Behinderten- und Rehabilitationssports angehören. Zudem unterliegen die Räumlichkeiten strengen Auflagen bezüglich Größe, Ausstattung und Sicherheit – etwa das Vorhandensein von Notrufsystemen oder Defibrillatoren bei Herzgruppen.

Besonders hoch sind die Anforderungen an das Personal. Ein normaler Fitnesstrainer-Schein reicht nicht aus. Übungsleiter im Reha-Sport benötigen eine spezialisierte Lizenz, die spezifisches Wissen über Krankheitslehre, Pädagogik und Didaktik für Menschen mit Einschränkungen vermittelt. Diese Lizenzen müssen regelmäßig durch Fortbildungen aufgefrischt werden. Bei Herzgruppen ist sogar die ständige Anwesenheit eines betreuenden Arztes während der Übungsstunde vorgeschrieben, um bei kardialen Notfällen sofort eingreifen zu können.

Medizinische Indikationen im Überblick

Obwohl viele Menschen Reha-Sport primär mit orthopädischen Problemen wie Bandscheibenvorfällen oder Kniearthrose assoziieren, ist das Einsatzspektrum weitaus breiter. Tatsächlich machen Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates den größten Anteil aus, doch auch in der Inneren Medizin hat sich die Bewegungstherapie etabliert.

Bei Atemwegserkrankungen wie COPD oder Asthma hilft gezieltes Training, die Atemhilfsmuskulatur zu stärken und Techniken zur Atemnot-Bewältigung zu erlernen. In der Onkologie gewinnt der Sport ebenfalls an Bedeutung. Studien zeigen, dass körperliche Aktivität während und nach einer Chemotherapie das sogenannte Fatigue-Syndrom (chronische Erschöpfung) lindern kann. Auch bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Multipler Sklerose oder nach einem Schlaganfall ist Reha-Sport ein fester Bestandteil der Nachsorge, um motorische Fähigkeiten zu erhalten oder neu zu erlernen.

Grenzen und Kontraindikationen

Trotz der vielen positiven Effekte gibt es Situationen, in denen Reha-Sport nicht oder nur eingeschränkt stattfinden sollte. Akute Entzündungen, frische Verletzungen oder schwere Herz-Kreislauf-Instabilitäten stellen klare Kontraindikationen dar. Hier muss die medizinische Akutversorgung Vorrang haben. Auch ist Reha-Sport kein Ersatz für notwendige operative Eingriffe oder medikamentöse Einstellungen, sondern immer als begleitende oder nachsorgende Komponente zu verstehen.

Die Verantwortung liegt hier beim verordnenden Arzt und dem qualifizierten Übungsleiter, die Tagesform des Patienten richtig einzuschätzen. Manchmal muss die Intensität drastisch reduziert werden, um den Patienten nicht zu gefährden. Genau hier zeigt sich der Wert der spezialisierten Ausbildung der Trainer, die Warnsignale frühzeitig erkennen müssen.

Der Übergang in das eigenverantwortliche Training

Nach Ablauf der verordneten Einheiten stehen viele Patienten vor der Frage, wie es weitergeht. Die Krankenkassen erwarten, dass der Versicherte nach der "Hilfe zur Selbsthilfe" eigenständig aktiv bleibt. Viele Vereine bieten daher Anschlussmitgliedschaften oder freie Gruppen an, die der Patient dann selbst zahlt.

Der Erfolg des Rehabilitationssports misst sich letztlich daran, ob es gelingt, Bewegung dauerhaft in den Alltag des Patienten zu integrieren. Wer nach den 50 Einheiten wieder in Passivität verfällt, verliert die erarbeiteten physiologischen Anpassungen meist innerhalb weniger Wochen. Daher beinhalten gute Reha-Sport-Konzepte immer auch Edukation: Wie bewege ich mich im Alltag rückenfreundlich? Welche Übungen kann ich zu Hause durchführen? Erst wenn dieses Wissen verankert ist, hat die Maßnahme ihren vollen Zweck erfüllt.

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