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Schachboxen: mit Muskeln und Gehirnschmalz

Das sind die Reglen beim Schachboxen

Es klingt skurril: In der ersten Kampfrunde geht es ums KO, in der zweiten ums Schachmatt. Auf den ersten Blick haben Schach und Boxen nichts gemeinsam. Eher scheint es so, als könnten die Athleten beider Sportarten gegensätzlicher nicht sein. Und doch hat sich das Schachboxen in den vergangenen Jahren zu einer beliebten Variante entwickelt. Es schlägt die Brücke zwischen dem renommiertesten Denksport und dem wohl bekanntesten Kampfsport

Während die großen sportlichen Wettkämpfe im Schach und im Boxen bei der Berichterstattung und in den Wettbüros ganz weit oben rangieren, entdecken Journalisten, Experten und Buchmacher in Deutschland erst nach und nach das große Potenzial, das das Schachboxen bietet. Aufgrund der noch jungen Geschichte dieser hochkomplexen Sportart mag das kaum verwundern. Umso mehr lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen des Schachboxens. Wie funktioniert die Kombination aus Kampf- und Denksport? Welche Regeln gelten für sportliche Begegnungen und welche Anforderungen werden an die Athleten gestellt? Wir haben uns einmal schlau gemacht.

So ist das Schachboxen entstanden

Wie entsteht die Idee, zwei Sportarten miteinander zu verbinden, die inhaltlich so weit voneinander entfernt sind wie Schach und Boxen? Der kreative Kopf hinter dem innovativen neuen Sport ist der niederländische Aktionskünstler Iepe Rubingh. 2003 entwickelte der 1974 in Rotterdam Geborene die Idee. Diese war zunächst lediglich als Kunstperformance geplant. Ganz neu war der Gedanke jedoch nicht. 1992 beschrieb der französische Kult-Comiczeichner Enki Bilal in seiner Science Fiction Novelle „Froid Équateur“ (übersetzt: „Äquatorkälte“) eine Weltmeisterschaft im Chess-Boxing, an der sein Protagonist teilnimmt.

Der von Enki Bilal inspirierte Schaukampf, den Iepe Rubingh 2003 inszenierte, begeisterte das Publikum. Für die erste Performance im Schachboxen trat der Niederländer sogar selbst im Ring und am Schachbrett an. Sein Künstlername „The Joker“, unter dem er viele skurrile Kunstprojekte umgesetzt hatte, begleitete ihn auch hier. Der Erfolg der skurrilen Mischung führte dazu, dass Rubingh seine Idee weiterentwickelte und so einen neuen Wettkampfsport ins Leben rief. Um dem Schachboxen einen ernsthaften Rahmen zu geben, gründete er die „World Chess Boxing Organisation“ (WCBO) und fungierte selbst als Präsident. In Deutschland gründete Rubingh außerdem den Berliner Schachbox-Verein (CBCB), in dem er sogar den Vorstandsvorsitz übernahm.

In den Jahren 2005 bis 2007 gab es mehrere Schaukämpfe im Schachboxen, die ein noch überschaubares, aber interessiertes Publikum anzogen. 2007 wurde unter der Schirmherrschaft der WCBO erstmals ein Schaukampf ausgerichtet, der den Titel „Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht“ trug. Seitdem sind jährlich offizielle Amateur-Weltmeisterschaften für männliche und weibliche Athleten veranstaltet worden. Die Präsenz in den Medien und in der professionellen Sportberichterstattung wächst mit dem internationalen Interesse am Schachboxen und schafft eine größere Bühne für die neuartige Sportart.

Initiator Iepe Rubingh wird seine Idee auf diesem Weg nicht weiter begleiten können. Der Ausnahmekünstler ist am 08. Mai 2020 im Alter von nur 45 Jahren verstorben. In seiner Kunst wird er noch lange in Erinnerung bleiben und er hat sich nicht zuletzt durch die Entwicklung des Schachboxens ein lebendiges Denkmal gesetzt.

Schachboxen

Bildquelle: Pixabay.com / AIles

Die Regeln beim Schachboxen

Die Regeln beim Schachboxen sind leicht verständlich, denn sie verbinden die gültigen Regeln, die in einer Schachpartie und in einem Boxkampf gepflegt werden. In sportlichen Begegnungen treten zwei Wettkämpfer abwechselnd im Schach und im Boxen gegeneinander an.

So sind Begegnungen im Schachboxen zeitlich aufgeteilt

Die Begegnung wird insgesamt über 11 Runden ausgetragen, die sich in 6 Schachrunden und 5 Boxrunden aufteilen. Den Anfang macht eine Schachrunde, auf die eine Boxrunde folgt. Unterbrochen werden die Runden jeweils durch eine Pause, in der die Kontrahenten Zeit bekommen, ihre Boxhandschuhe an- beziehungsweise auszuziehen.

Die Schachrunden werden in Anlehnung an Schnellschachpartien ausgetragen. Jede Schachrunde umfasst 4 Minuten inklusive Bedenkzeit. So ist jeder Spieler dreimal am Zug und kann insgesamt 12 Minuten Bedenkzeit nutzen. Die Boxrunden dauern jeweils 3 Minuten.

So werden Begegnungen im Schachboxen entschieden

Schachboxer müssen vielfältige Fähigkeiten mitbringen

Betrachtet man Schach und Boxen als separate Sportarten, mag es absurd erscheinen, zwei so unterschiedliche Ausprägungen miteinander verbinden zu wollen. Bei näherer Betrachtung gibt es allerdings weitaus mehr Parallelen als zunächst angenommen.

„Wir sind dabei, Schachboxen vom Image einer Freakshow zu befreien und als ernstzunehmende Sportart zu etablieren”, sagt Andreas Dilschneider vom Weltverband für das Schachboxen (World Chess Boxing Organisation WCBO) im Gespräch mit der Aachener Zeitung. „Die Kombination aus Boxen und Schach ist keineswegs absurd. In beiden Sportarten muss man stets hochkonzentriert sein. Ein schwerer Fehler und der Kampf ist vorbei.”

Tatsächlich ist es gerade die Kombination aus beiden Sportarten, die in einer Begegnung über den Sieg entscheidet. Ein Sieg durch KO oder einen Kampfabbruch ist nämlich selten. Es geht vielmehr darum, den Gegner in einer von beiden Disziplinen durch eigenes Können so stark unter Druck zu setzen, dass er in der anderen Disziplin einen Fehler macht und sich so selbst aus dem Rennen wirft. In den meisten Fällen sind es kluge und vorausschauende Züge in den Schachrunden, die letztendlich über den Sieg entscheiden. Auch Spieler, die die Situation auf dem Schachbrett schnell erfassen und mit wenige Zeitaufwand ziehen können, haben gute Chancen. Wer sein Zeitkontingent nicht ausschöpft und schneller zieht als ein Gegner, kann am Ende der Partie einen Sieg durch Zeitüberschreitung erringen.

Die Kombination aus Schach und Boxen macht nicht nur bei Wettkämpfen eine gute Figur. Tatsächlich, so Dilschneider, entscheiden sich viele für Schachboxen um des Trainings willen. Die Teilnahme an Wettkämpfen ist längst nicht für jeden interessant. Beliebt ist aber die ideale Kombination aus Ganzkörpertraining im Boxring und Gehirntraining am Schachbrett. Da hat Schachboxen mehr zu bieten als jede andere Sportart. Wer sich im Schachboxen trainiert, bekommt kognitives und körperliches Training und lernt ganz nebenbei auch, sich innerhalb von Sekunden an eine neue Situation anzupassen und die entsprechenden Fertigkeiten abzurufen. Höchste Konzentration unter völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen.

Schachboxen auf dem Weg zur Anerkennung

Den Beigeschmack des Skurrilen hatte das Schachboxen seit der erwähnten Kunstperformance von Iepe Rubingh. Doch die Idee war gekommen, um zu bleiben, und langsam etablierte sich die neue Sportart auch in den Köpfen der Sportbranche und in den Herzen der Fans.

Inzwischen gibt es Tausende von Anhängern auf der ganzen Welt, die sich in Vereinen und Sportverbänden organisieren und Wettkämpfe ausrichten. Der Kombinationswettkampf wird auf Profi- und Amateurebene ausgetragen und ist keine Männerdomäne. Auch Frauen haben das Schachboxen für sich entdeckt und im Kinder- und Jugendsport werden ebenfalls ernstzunehmende Ansätze verfolgt.

Neben Deutschland, Asien, Großbritannien und Russland gehört vor allem Indien zu den Ländern, in denen Schachboxen immer größere Verbreitung findet. Einen Grund für die wachsende Beliebtheit sehen die Akteure unter anderem in der enormen Chance für den Boxsport. Durch die Kombination mit Schach könnte das Image des tumben Boxers endgültig verabschiedet werden. Wer sich näher mit dem Boxsport beschäftigt, weil längst, dass ein Boxkampf weit mehr ist als das Verprügeln des Gegners im Boxring. Es geht um höchste Konzentration, Strategie und Koordination. Wie groß auch die kognitiven Fähigkeiten eines Boxers sein müssen, kann durch die Kombination aus Boxrunden und Schachzügen deutlicher herausgearbeitet werden.

Um dem noch recht jungen Sport zu mehr Akzeptanz zu verhelfen, sollen in den nächsten Jahren mehrere Profiligen und Turniere auf Amateur- und Profiniveau entstehen. Verschiedene WM-Serien mit internationaler Beteiligung auf Profilevel sind geplant. Hier könnten die Interessen einer sehr diversen Klientel in Einklang gebracht werden. Schachboxen bietet eine sportliche Bühne mit viel Potenzial für unterschiedlichste Interessen und Fähigkeiten. Schachboxen dürfte in der Sportbranche neben eSports eine nicht unerhebliche Rolle spielen und dazu beitragen, dass sich die Branche nachhaltig verändert.

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SchachboxenArtikel-Thema:
Schachboxen: mit Muskeln und Gehirnschmalz
Beschreibung: Das 🥊 Schachboxen ist eine ganz besondere Sportart, bei der mit ✅ Boxen und dem Schachspiel zwei komplett unterschiedliche Elemente verbunden werden.

letztes Datum:
19. 07. 2021

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